Hoffentlich Hoffnung - Andacht Mai

Die Hoffnung haben wir als einen festen Anker unserer Seele. Hebräer 6,19

 

Spiegelglatt das Gewässer. Ein Boot irgendwie mittendrin. Ein dünnes Seil, fast ein Bindfaden, macht sich auf den Weg ins Nass, versinkt, verschwindet. 
Hoffentlich hält das Schnürchen. Hoffentlich krallt sich der Anker tief unten felsenfest. Hoffentlich hält das alles, wenn das Wetter umschlägt und der Wind peitscht und die Wellen schwer schlagen.
Hoffentlich. Das kommt von hoffen. Hoffentlich hält die Hoffnung. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Volksmund. Aber sie stirbt, sagte mal ein Kabarettist. 
Ist das so? Stirbt die Hoffnung? Und wenn ja: Jede? Oder welche?
Ich bin von Grund auf ein Hoffnungswesen. Schon als ich zur Welt kam, vollkommen unselbstständig, geworfen auf die Liebe meiner Eltern und die Körperwunderkräfte meiner Mutter, konnte ich nur hoffen:
Hoffentlich hören sie mich, wenn ich schreie. Hoffentlich stillt sie mich, wenn ich winsele. Hoffentlich wiegen sie mich im Arm und singen mir ein sanftes Lied, ein Trostlied von der Hoffnung, die nicht ins Leere läuft, sondern ganz gewiss ihr Ziel finden wird.
Der erste Hunger meiner Kindheit. Gefühlt ein Sturm auf hoher See. Mein Leben eine Nussschale.
58 Jahre später. Ich hoffe immer noch, zumeist unbemerkt. Ich stehe frohgemut auf, ohne wissen zu können, ob ich den Abend noch erleben werde. Ich wäre gar nicht lebensfähig ohne Hoffnung. Und sollte ich den heutigen Abend nicht erleben, glaube ich: Gott hört mein Schreien und singt mir das große Lied vom Leben. Nicht hoffentlich. Sondern ganz gewiss.

Daniel  Wanke, Pfarrer in der Lukas-Kirche