Sozialraumorientierung und Christsein

Stadtkulisse
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[Es gibt] kein wirkliches Christsein außerhalb der Wirklichkeit der Welt und keine wirkliche Weltlichkeit außerhalb der Wirklichkeit Jesu Christi. Dieser Raum der Kirche ist also nichts für sich selbst Bestehendes, sondern etwas immer schon über sich Hinausgreifendes, eben weil es nicht der Raum eines Kultvereins ist, der um seinen eigenen Bestand in der Welt zu kämpfen hätte, sondern weil es ein Ort ist, an dem ernstgenommen wird, dass Gott die Welt so geliebt hat, dass er seinen Sohn für sie hingab. Die Kirche kann ihren eigenen Raum auch nur dadurch verteidigen, in dem sie nicht um ihn, sondern um das Heil der Welt kämpft. Andernfalls wird die Kirche zur „Religionsgesellschaft“, die in eigener Sache kämpft, und damit aufgehört hat, Kirche Gottes in der Welt zu sein.

So schreibt Dietrich Bonhoeffer in seiner Ethik, die bis zu seiner Verhaftung 1943 entstand. Bonhoeffer hat das Denken in zwei Räumen in der Zeit des Nationalsozialismus erlitten und energisch gegen diese Zerteilung gekämpft. 

Szenenwechsel: 2022 auf der Fürther Hardhöhe - inzwischen sind nur noch ca. 20 % der Menschen im Stadtteil evangelisch. Religion wird gerne zur Privatsache erklärt und „neutrale“ Räume der Begegnung gefordert. Für einen christlich lebenden Menschen aber funktioniert das nicht, erst recht nicht, wenn man Bonhoeffers Worte durchdenkt. Ich schreibe heute so viel über ihn, weil ich Ihnen etwas von „Sozialraumorientierung“ unserer Kirchengemeinde erzählen will. Wenn Sie diese Zeilen lesen, wird der Kirchenvorstand sich auf einer Klausurtagung dazu Gedanken gemacht haben: Ist Sozialraumorientierung in Heilig Geist das Projekt einer kleinen Gruppe, das sich z. B. GeH Hin nennt? Oder ist es eine grundsätzlich kreativ-neugierig-offene Haltung der Gemeinde zu Menschen, mit denen wir
gemeinsam leben? 

Ich möchte Sie zu einem mutigen Abenteuer, einer Schatzsuche einladen: Gehen Sie mit Bonhoeffers Perspektive über die Hardhöhe. Von Haus zu Haus mit dem Gedanken: „So sehr hat Gott die Hardhöhe geliebt!“ So viele Potentiale stecken in den Menschen, die mir hier begegnen! Mit wem wäre es spannend einmal was zusammen zu machen? - Das Gemeindezentrum ist fast die einzige „Hard-Ware“ der Begegnung im Stadtteil. Wie wäre es zu träumen, dass es auf der Hard selbst-
verständlich wird für alle, sich am besten im Gemeindezentrum, im Hard-Zentrum zu treffen?

Manchmal sitzt uns jedoch die Angst im Nacken: Wir müssen den Gürtel enger schnallen, wer soll das bezahlen? Aber Angst ist kein guter Ratgeber in der Transformation, in der wir uns befinden. Fragen wir lieber: Was dient denn dem Leben auf der Hard? Und wenn es dem Leben dient, dann lohnt sich unser Einsatz dafür und dieser wird ansteckend sein. Mit diesem Talent der Hoffnung könnten wir wachsen. Gott wurde Mensch, nicht Evang.-Lutherisch. Und dieses Menschwerden ist ein großes und nicht ungefährliches Abenteuer, nicht nur für Gott, denke ich. Also, was war jetzt nochmal „Sozialraumorientierung“? Nun, den Menschen mutig und getrost zum Menschen werden zu lassen, so vielleicht.

Eva Siemoneit-Wanke