"Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand"

Ingeborg Weißenfels
Bildrechte: Ute Baumann

Trübe und kraftlos sind die Tage am Ende des zweiten Pandemie-Winters. Hoffnung und Zuversicht, die wären jetzt gut. Doch wie kann man diese Kraftquellen finden? Ingeborg Weißenfels erzählt, wie sie in ihrem langen Leben Herausforderungen begegnet ist.

„Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich“, stellt die 87-Jährige fest, die in ihrem Wohnzimmer am Fenster sitzt und erzählt. „Wenn ich nach einer halben Stunde Mittagsschlaf aufwache, bin ich froh um die neue Energie“, sagt sie lachend und berichtet, dass diese Dankbarkeit als Grundgefühl des Lebens sich erst in den letzten Jahren herausgebildet hat. „Ich bin dankbar für meine Gesundheit, denn ich weiß, das ist nicht selbstverständlich.“ 2019 erlebt sie das sehr deutlich. Nach einer Operation an der Achillessehne will die Wunde nicht heilen. Sie liegt im Krankenhaus. Aus Wochen werden Monate ohne nennenswerten Fortschritt, eine Geduldsprobe. „Da hat mir tatsächlich WhatsApp sehr geholfen“, erzählt sie. „Denn so konnte ich in Verbindung bleiben mit meiner großen
Familie, mit Kindern und Enkeln. Wenn ich Kontakt habe zu Menschen, die ich mag, blühe ich richtig auf.“ Man merkt wie wichtig ihr diese Beziehungen sind, die sie aktiv gestaltet und pflegt.
Die alte Dame mit dem Silberhaar spricht von einem glücklichen Leben, aber einfach war es nicht. Der erste Schicksalsschlag trifft die junge Pfarrfrau 1962. Ihr erster Mann verunglückt tödlich beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Sie bleibt mit drei kleinen Kindern und ohne Berufsausbildung zurück. Wie soll es weiter gehen? Sie muss
das Pfarrhaus räumen, für ihre Familie eine neue Wohnung suchen. „Ich habe immer gespürt, dass ich nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hand“, sagt sie heute. „Damals war mir das gar nicht so klar, aber ich hatte immer das Vertrauen, dass ich nicht verlassen bin.“ Pragmatisch geht sie ihr neues Leben an, macht eine Ausbildung zur Katechetin in Heilsbronn und ist danach als Religionslehrerin in Pappenheim und Umgebung im Einsatz. Alleinerziehend, berufstätig und mit Auto, das ist in den 1960er Jahren eher ungewöhnlich. Unterstützung erfährt sie
aus dem Kreis befreundeter Pfarrfamilien und durch den Dekan, der sie ermutigt, für die Synode der bayerischen Landeskirche zu kandidieren. Dort lernt sie Dieter Weißenfels aus Fürth kennen, der ihr zweiter Mann wird - eine sehr liebevolle und glückliche Beziehung.
Was Ingeborg Weißenfels nach eigener Aussage immer noch üben muss ist Gelassenheit. „Manchmal regt es mich auf, wenn in der Wohnung Sachen herum liegen. Und da muss ich mir dann sagen: Ist doch wurscht, das ist nicht so wichtig.“
Dankbarkeit, gute soziale Kontakte, Gottvertrauen und Gelassenheit – das kann helfen, um Hoffnung und Zuversicht zu entwickeln. Und dazu die tröstliche Erfahrung, dass auch schwierige Zeiten ein Ende haben: „Die Dinge verändern sich, auch wenn es manchmal nicht so aussieht.“

Ute Baumann